Tschüss. Bye. Tschau. Tschüss. Tschau. Tschautschau

Ich bin ja bekannt dafür, dass ich gewisse Dinge nicht mag. Es ist nicht so, dass ich mich nicht für das Leben meiner Mitmenschen interessieren würde. Aber ich bestimme gerne den Zeitpunkt selbst. Gestern fand ich es sehr unpassend. Vorwegschicken möchte ich, dass ihr halbes Gesicht nicht unansehnlich war. Das ganze Gesicht habe ich nie gesehen, denn sie war am Telefon. Im Zug. Womit wir auch wieder beim ersten Satz wären.

Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass alle Leute des Zugabteils kopfschüttelnd auf die junge Frau achteten. Achten mussten.

Eigentlich wäre ja auch nichts gegen ein kurzes Gespräch in diskreter Lautstärke einzuwenden gewesen. Leider wurde der ganze Wagen genötigt, zuzuhören.

Ausgangslage: Die junge Frau telefoniert mit ihrem Freund. Sie spricht üblicherweise Schweizerdeutsch. Mit ihm am Telefon Hochdeutsch. Als wäre dies zum zuhören nicht schon schlimm genug: Sie hatte wohl in der Schule andere Stärken gehabt!

“Nein, heute geht nicht, sie muss putzen und kochen! Aber Samstag. Dein Bruder arbeiten? Wann? Am Samstag? Dann kommen doch am Sonntag. Ich werde sie fragen. Ich rufe sie an. Ich sage dir Bescheid. Tschüss. Bye. Tschau. Tschüss. Tschau. Tschautschau.”

Neues Gespräch:

“Ich habe ihn erreicht! Ich habe ihm gesagt, dass du nicht kannst. Und ich habe auch keine Zeit. Aber sein Bruder muss am Samstag arbeiten. Bis 3. Ich habe ihm gesagt, dass sie ja danach noch kommen könnten. Oder noch besser: sie könnten ja am Sonntagmorgen kommen, so gegen 13 Uhr. Aber du musst seinen Bruder noch anrufen und ihm sagen, dass du nicht kannst. Ich habe ihm schon gesagt, dass du putzen und kochen musst. Ich rufe meinen Freund jetzt an und sage ihm, dass sie am Sonntagmorgen kommen sollen. Tschüss. Bye. Tschau. Tschüss. Tschau. Tschautschau.”

Neues Gespräch:

“Ich bin es wieder. Sie hat sagen, dass nicht kann heute. Sie kann aber am Sonntag. Ach, da muss dein Bruder auch arbeiten? Wann denn? Am Sonntag? Um 16 Uhr? Das geht ja, dann kommt ihr zwischen 13:15 und 13:00 zu mir. Was? Gib mir mal deinen Bruder! Tschüss. Bye. Tschau. Tschüss. Tschau. Tschautschau. Hallo, ich bin’s. Die Freundin von deinem Bruder. Wann du arbeiten? Am Samstag? Bis 3 Uhr. Dann kommt doch danach zu mir! Dein Bruder weiss, wo ich wohne. Aber am Sonntag fährt der Bus nicht gleich wie Wochentags. Ich glaube 23. Oder 11 Uhr 15. Aber sie ruft dich noch an. Hat dir mein Freund, dein Bruder, schon gesagt, dass ich zwei Katzen habe? Er mag meine Katzen. Und sie ruft dich an. Also, bis Sonntag. Tschüss. Bye. Tschau. Tschüss. Tschau. Tschautschau.”

Neues Gespräch (dieses wurde 2-mal unterbrochen und trotz Tunnel wieder versucht) :

“Ich habe ihn angerufen und gesagt, dass sie Sonntag kommen sollen. Wie? Du hast versucht seinen Bruder anzurufen? Und er ist nicht ans Telefon gegangen? Ach ja, ich war mit ihm am Telefon. Ach, du kannst heute auch schon? Du kannst morgen putzen? Nein, das geht mir nicht, ich habe heute keine Zeit. Und jetzt kommen sie ja am Sonntag. Schreib ihm doch, er soll dich anrufen! Schreib: “Bitte ruf mich an”. Wie man “Bitte” schreibt? B-I-T-T. Ich werde ihn gleich anrufen und ihm sagen, dass du schreibst! Tschüss. Bye. Tschau. Tschüss. Tschau. Tschautschau.”

Noch bevor sie die Nummer erneut wählen konnte, stand ich auf und setzte mich neben sie. “Mädchen, du hast etwas falsch verstanden: Du kannst mit deinem Handy auch telefonieren, du musst dich nicht durch zurufen verständigen! Und noch etwas: “Bitte” buchstabiert man B-I-T-T-E!”

Verständnislos schaute sie mich an. Unter dem Applaus der anderen Fahrgäste musste ich den Zug leider verlassen, bevor ich es ihr vollständig erklärt hatte. Ich denke aber, dass die Weiterfahrt wesentlich ruhiger war.

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