Schuppen

Es gibt Dinge, die gehören einfach zusammen. Fische und Schuppen zum Beispiel. Fische sehen ohne einfach doof aus – außer, sie liegen in der Bratpfanne.
Und dann gibt es Dinge, die verändern sich zum Positiven. Junge Papageien zum Beispiel. Nur wenige Jungtiere sehen so zerzaust und unniedlich aus – um später zu wunderschönen Tieren zu werden.
Und dann ist da noch die andere Sache. Sie wissen schon. Im Winter, wenn es kalt ist. Die Wolken ziehen sich zu und ganz sanft fallen die ersten Flocken. Ganz kleine, weiße Fetzen, die vom Wind getragen zu Boden segeln und einen feinen Flaum über die Landschaft legen.

Als die Frau den Laden betrat, hatte ich genau diese Gedanken. Sie zog ihre Mütze aus und schüttelte filmreif ihr wallendes … Federkleid?
Blitzartig fiel mir das Papageienküken ein. Wobei – ganz ehrlich: Ich glaubte nicht, dass sie noch lange genug Leben würde, um aus dem zerzausten Papageienkükenstadium hinauszuwachsen und zu einem hübschen Wesen zu erblühen. Dafür war sie schon zu alt.

Aber nun fertig mit Boshaftigkeit!

Als sie ihre Haare ausschütteln wollte, bewegte sich ihr ganzer Körper. Wie bei einem nassen Hund, der gerade den See verlassen hat. Und wäre die Szene in Zeitlupe abgelaufen, so hätte man die einzelnen Tropfen wegfliegen sehen. In ihrem Fall waren es aber keine Tropfen, sondern Flocken. Wie im Winter, wenn es kalt ist. Kleine, weiße Flocken segelten zu Boden. Nur, dass es nicht kalt genug war, um Schnee zu sein.

Wie bereits gesagt. Es gibt Dinge, die gehören zusammen. Aber Papageien und Schuppen? Nein!

Manchmal ist das Leben grausam. Ausgerechnet diese Kundin musste mich ansprechen.

Sie wollte wissen, ob ich ihr ein Olivenöl empfehlen könne. Ich versuchte, ihr nicht auf den Kopf zu starren und schaute ihr in die Augen. Leider hatte es auch hier die Natur nicht gut gemeint mit ihr.

Ihr ständig zwinkernder Lamellenblick irritierte mich gewaltig. Dennoch gelang es mir, Haltung zu bewahren. Ich zeigte der Frau mein Sortiment an Olivenöl und fragte, ob sie einen besonderen Verwendungszweck dafür habe.

Es müsse hochwertig sein und aus biologischem Anbau. Und schnell einziehen.
„Wie meinen Sie, einziehen?“, fragte ich.

„Ich benutze Olivenöl schon seit Jahren an Stelle von Haarshampoo. Das pflegt die Haare besonders gut und die Kopfhaut wird nicht mit künstlichem Mist belastet.“

Genau. Jetzt roch ich es auch noch.

„Sie wissen aber schon, dass das nicht gut ist?“ Ich deutete auf meine nicht vorhandenen Locken. „Ich habe das auch eine Weile gemacht! Und schliesslich alle Haare verloren!“
Sie schaute mich ungläubig an.
„Sie scherzen?“

Ich liess die Frage unbeantwortet und führte Sie zum Haarpflegeregal.
„Das hier nehmen sie nun zweimal täglich, anschließend diese Spülung. Wenn sie sich genau daran halten, können Sie es vielleicht noch retten!“

Sie war sichtlich verunsichert, kaufte aber von nun an Haarpflegeprodukte für ein vielfaches des Geldes, das sie für Olivenöl ausgegeben hätte.

Ich gebe es zu: Sie wurde dadurch nicht hübscher. Aber immerhin ich muss nicht immer, wenn sie im Laden war, mit der Schneeschaufel ihre Schuppen wegschaufeln. Alleine deshalb hat sich das Gespräch mit ihr gelohnt.

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