Mein kurzes Leben

Ich erinnere mich an ein paar Dinge aus meinem Leben. Wie ich durch eine schmale Ritze gepresst das Licht der Welt erblickte. Danach wieder Dunkelheit. Die nächsten Erinnerungen sind von später. Ich wurde endlich gebraucht. Endlich gehörte ich zu den Großen. Ich durfte einen Bikini tragen. Von H&M. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ich war so stolz. Ich trug den Bikini aus dem Laden, quer durch die Stadt. Ich sagte kein Wort. Auch in der kurzen Pause im Café nicht. Ich lag einfach auf dem Stuhl und hörte zu. Ich genoss es, dabei zu sein. Wichtig zu sein. Zum ersten mal in meinem Leben.

Später, zu Hause angekommen, wurde mir der Bikini weggenommen. Und es wurde wieder Dunkel in meinem Leben. Keine Ahnung, wie lange ich in diesem Dämmerzustand reglos da lag.

Bis gestern.

Da wurde ich wieder hervorgeholt und benutzt. Ich durfte Bücher tragen. Mit harten Kanten und Ecken. Ich verletzte mich daran, stach mir Löcher in den Bauch. Kleine, feine. Ich sehnte mich nach dem Bikini. Wann ich diesen wohl wieder tragen darf?

Und dann begann es zu regnen. Ich war froh, nicht aus Papier zu sein. Meine Besitzerin dachte sich dies wohl auch. Jedenfalls bastelte sie sich eine Regenhaube aus mir.

Das Leben als Plastiktragtasche ist nicht immer schön …

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