Krebsrot

Ein ganz normaler Sonntag am Strand. Und das Unterhaltungsprogram war toll!

Eine Gruppe Leute belegt gerade den Bereich bei den Büschen, in der Hoffnung, dereinst Schatten zu  bekommen. Ja, genau jene Buschgruppe, in welcher die Hundebesitzer ihre Vierbeiner sich erleichtern lassen – und der Büsche wegen nicht in der Lage sind, die Haufen zu finden und wegzuräumen. Jene Buschgruppe im Westen, welche wirklich Schatten spendet, in der Regel ab 18 Uhr, wenn die Sonne tief genug steht. Jene Buschgruppe, bei der man auch 5 Meter entfernt riecht, dass es als Hundeklo benutzt wird. Er legte sich auf sein Badetuch und lies sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Sonne und Bauch strahlten um die Wette. Der Bauch gewann, er war heller … zumindest für etwa 15 Minuten. Danach verfärbte er sich zusehends Krebsrot. Es schien ihn nicht zu stören. 

In der Nähe ein Pärchen mit Hund. Eines jener Tiere, welche man anscheinend herumtragen muss. Lediglich ihre vollflächige Tätowierung hinderte mich daran, sie als Tussi abzustempeln. Und die Tatsache, dass sie zwar genervt schien, jedoch sich selbst zu helfen wusste und es auch gleich anpackte. Er, bestimmt 15 Jahre älter als sie. Typ Banker in der Freizeit. Stahlendweisse Ärmchen und Beinchen. Bermudashorts aus der Herrenkonfektionsabteilung. Er versuchte, einen Sonnenschirm aufzustellen.

Der trocken gebackene Rasen weigerte sich standhaft, den Schirm in sich aufzunehmen. Der Banker wollte das nicht einsehen. Er versuchte, den Stab mit Steinen in den Boden zu schlagen. Er verwendete immer grössere Steine, der Sonnenschirm war unbeeindruckt. Ich konnte es nicht erkennen, aber vermutlich hat er die Höhenverstellung zertrümmert. Schliesslich beschloss er, Rasen und Schirm zu überlisten – er errichtete aus den Steinen einen Turm und baute dem Sonnenschutz so einen Sockel. Während der Erbauer weitere Steine anschleppte, flog der Sonnenschirm zu anderen Badegästen und der Steinhaufen legte sich flach in die Sonne. Madame war sichtlich genervt. Aber sie ging zu anderen Leuten, welche erfolgreich ihre Sonnenschirme aufgestellt hatten, und fragte, wie sie das denn gelöst hätten. Sofort erhielt sie Unterstützung durch eine junge Frau. Der Banker belächelte sie – er hätte es mit 90 Kilo (was ich für einen Untertreibung hielt) versucht, den Stab in den Boden zu rammen. Er traute ihren 50 Kilo das noch weniger zu. Sie quittierte sein Lächeln mit einem „dann-mach-es-doch-selbst“ – Blick und begab sich wieder unter ihren Sonnenschirm.

Schliesslich hatte er eine weitere Idee. Mit Wasser versuchte er, den Boden aufzuweichen. Der Hundenapf musste  als Transportgefäss dienen. Er lief gefühlte 1000 mal zum Bach und schüttete Wasser an die gewünschte Stelle.

Schlussendlich legten sie den mitgebrachten Liegestuhl auf die Seite und genossen den Schatten, den dieser spendete.

 

Mir fiel langsam auf, dass ich auch keinen Sonnenschirm mitgenommen hatte, der Busch neben mir nur spärlich Schatten spendete und die Sonnencreme nur auf dem Kopf eingerieben hatte. Und der Grillduft von der Seite erinnerte mich daran, auch kein Futter dabei zu haben. Ich sage bewusst nicht Fleischduft – es roch nach Grill, genauer gesagt nach Anzündflüssigkeit. Dann nach Rauch. Und später erst nach grilliertem Fleisch. Es roch herrlich. Mit knurrendem Magen machte ich mich also mitten im Nachmittag auf den Heimweg.

Endlich trinken, endlich essen. Und der Spiegel offenbarte noch etwas anderes: Krebsrot.

Ich sag ja: ein ganz normaler Sonntag am Strand.

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