In Rente

Wie habe ich mich auf diesen Tag gefreut! Ich hatte längst alles vorbereitet. Der erste Tag in Rente. Nichts tun müssen, einfach in den Tag leben und sich die Zeit vertreiben. Ich habe mir sogar eine Tageszeitung bestellt!

Von nun an wollte ich jeden Morgen in den Laden gehen und mir frische Brötchen holen. Am Briefkasten vorbei mit der Zeitung in die Wohnung und dann ausgiebig Frühstücken. Im Sommer auf dem Balkon, im Winter am Esstisch. Gemütlich die Zeitung lesen und dem Treiben vor dem Haus zuschauen. Und dann, vielleicht einen Spaziergang am See, Mittagessen mit Freunden und am Nachmittag mit dem Zug in die Stadt und dort den Leuten zuschauen. So wenigstens war der Plan.

 

Nun war der Tag endlich gekommen. Das Telefon ließ ich klingeln. Ich hatte mir vorgenommen, mich keinen Zwängen zu unterwerfen und mein Rentnerleben nach meinem Tempo zu gestalten. Vom Harndrang getrieben schlurfte ich durch das Wohnzimmer, zog den Stecker des Telefons aus und ging ins Bad.

Stolz, auch als Rentner noch aufzustehen, bevor ich Wasser ließ, ging ich zurück ins immer noch warme Bett.

An diesem Morgen verlegte ich das Frühstück wegen akutem Schlafanfall auf den späteren Vormittag. Genauer gesagt auf den Mittag. Also, den späten Mittag. Jedenfalls begegnete ich beim Brötchenholen den Leuten, die bereits den Feierabend genossen. Feierabend. Den würde ich wohl vermissen.

Als ich frühstückte, begann es bereits zu dämmern. Mir war das egal. Und dass ich die Zeitung im Briefkasten vergessen hatte, störte mich auch nicht. Die Hauptausgabe der Tagesschau zeigte die Nachrichten sowieso aktueller, als die Zeitung von heute Morgen.

Lange schlafen hat einen schlechten Nebeneffekt. Man ist Abends nicht müde. Und so verbrachte ich die Nacht vor dem Fernseher. Und erwachte auch am folgenden Tag nicht zur geplanten Frühstückszeit. So hatte ich innert weniger Tage einen ganz eigenen Lebensrhythmus gefunden. Aber ich verfeinerte die Technik.

Nach zwei Wochen schaffte ich es, die Zeitung aus dem Briefkasten mit in die Wohnung zu nehmen. Und damit auch ein ganzes Bündel an Papieren und Briefen. Rechnungen, Einladungen zu Kaffeefahrten und Werbeprospekte. Ich las alles durch, denn dafür hatte ich ja jetzt Zeit. Schließlich hielt ich einen Brief in der Hand, welcher mein Leben schlagartig ändern sollte!

Darin stand sinngemäß: “Leider konnten wir Sie seit Tagen telefonisch nicht erreichen! Sollten Sie nicht umgehend am Arbeitsplatz erscheinen … bla bla bla …!”

Und da wurde mir schlagartig bewusst: Mein erster Tag in Rente wird erst in 20 Jahren sein!

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