Egal

Lesezeit: 2 Minuten

Es war still in der kleinen Mietswohnung an der Gartenstraße 36. Eigentlich war es im ganzen Viertel ruhig. Einige Autos fuhren vorbei. Türen schlugen zu, Motoren wurden gestartet. Gelegentlich hörte man Schritte auf dem Trottoir.

Die Wohnung war einfach und zweckmäßig eingerichtet. An der Wand hingen ein paar alte Bilder. Stillleben. Auf den ersten Blick konnte man nicht erkennen, ob es Nachdrucke waren oder Originale. Erst, wenn man das Licht reflektieren sah, erkannte man den Hochglanz. Unweit daneben eine Kuckucksuhr. Ein Andenken von Tante Gertrud. Sie hing bestimmt schon fünfundzwanzig Jahre an dieser Stelle. Täglich 24-mal erschien der Mittlerweilen farblose und mit Wurmlöchern bedeckte Holzvogel, um wenige Augenblicke später unter knorrigem Ächzen wieder für eine Stunde zu verschwinden.

Hagmann hatte sich daran gewöhnt. Wie an alles in seinem Leben. Der Fernseher flimmerte vor sich hin, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Naja, hatte er auch nicht.

An der Holztür hing ein dunkler Mantel, der Regenschirm im Schirmständer daneben. Hagmann saß in seinem alten Sessel. Die Polsterung hatte ihre guten Zeiten schon länger hinter sich. Hagmann war es egal. Der kleine Tisch neben dem Sessel hätte möglicherweise einen gewissen Wert gehabt, hätte der Vorbesitzer das fehlende Bein nicht durch eine Dachlatte ersetzt. Die Nüsse in der Schale darauf konnten wahrscheinlich altersmäßig mit dem Tisch mithalten.

Ein rechteckiges Stück Teppich überbrückte die Strecke zwischen Sessel und Fernseher. Er passte zum Gesamtbild der Wohnung und strahlte eine gewisse Trostlosigkeit aus. Unmotiviert lag er da. Hier und dort ein Fleck. Kerzenwachs hier. Rotwein dort. Blut. Hagmann war es egal. Sein Leben lang waren ihm Veränderungen ein Gräuel. Lieber fand er sich mit einem Missstand ab, als sich auf etwas Neues einlassen zu müssen.

Hagmann war einer jener Menschen, welche nicht auffallen, wenn sie an der Betriebsfeier nicht dabei sind. Oder wenn die Reisegruppe den Bus zur Weiterfahrt besteigt und jemand fehlt. An ihn erinnert sich niemand spontan.

Die Sekretärin des Personalchefs war die Einzige, die seinen Vornamen kannte. Weil sie die Lohnabrechnungen in die Umschläge packte. Sie hätte ihn aber in der Kantine nicht erkannt, wäre er jemals dort gewesen. Hagmann zog es vor, sein Mittagessen am Schreibtisch zu nehmen. Schwarzbrotstullen mit Irgendetwas drauf. Keine hatte jemals gefragt, was er da esse. Eigentlich hatte ihn auch niemand beim Essen gesehen.

Er kam in seinem ganzen Berufsleben keine einzige Minute zu spät. Und er ging auch immer pünktlich nach Hause. Und er musste nie Überstunden leisten. Seine Arbeit war immer erledigt, der Schreibtisch am Abend leer. Er hatte keine privaten Dinge im Büro. Einzig der alte Gummibaum, welchen er zum 25-jährigen Dienstjubiläum erhalten hatte, stand in einer Ecke seines Arbeitsplatzes.

In der Wohnung war es kühl. Der Heizkörper gab sein Bestes, aber das reichte nicht, um von Wärme zu sprechen.

Hagmann hielt den Brief in der Hand. Immer noch.

Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage müssen wir Ihnen leider … Er hatte diesen Satz immer wieder gelesen. Aber jetzt war es im egal.

Hagmann hasste Reißverschlüsse. Er hasste das ratschende Geräusch. Heute war es ihm egal.

Der Beamte, der den Sack verschloss, stolperte beinahe über die Pistole, welche neben dem Blutfleck am Boden lag. Hagmann war es egal.

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Ein Kommentar

  • Gisela

    Hallo Urs

    Sehr beeindruckend wie facettenreich deine Schreibwerke doch sind! Von urkomisch bis zu sehr ernsthaft und nachdenklich stimmend.

    Es ist halt einfach “dein Ding”! Im Facebook würde es nun heissen: gefällt mir!

    En schöne Tag

    Gisela

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