Drängler

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Man kann von Herbstmessen halten, was man will. Wenn man aber mit offenen Augen und Ohren durch so eine Veranstaltung geht, so gibt es doch vieles, was man überdenken kann.

Heute, keine Schulferien und nicht Mittwoch, ein genialer Tag. Dachte ich. Kein Gedränge an den Gratismusterausgaben. Dachte ich. Keine Hektik. Dachte ich.

Wenn eine Messe gut besucht ist, keine Kinder und Schüler dort sind, deren Eltern vermutlich auf der Arbeit – wer treibt sich dann in den Ausstellungshallen herum? Naja, ich und … Menschen, welche mindestens doppelt so alt sind wie ich. Durchschnittlich.

Ich nehme es vorweg: Ich habe keine Gratismuster erhalten, keinen Süssmost degustiert und auch sonst nichts umsonst bekommen. Das Verkaufspersonal der Aussteller war voll damit beschäftigt, die gestressten Drängler mit Krückstöcken im Zaum zu halten. Gelegentlich hat der Notarzt mit dem Abtransport geholfen.

Aber ich war nicht enttäuscht: alle meine Erwartungen wurden erfüllt. Das Standpersonal an den Elektronikständen hätte man jederzeit mit jenem der Versicherungen austauschen können. Die Anbieterinnen von Reinigungssystemen mit jenen von Massagesesseln. Oder Kaffeemaschinen.

Die Möbelverkäufer und die Weinhändler – Messeverkäufer aus dem Bilderbuch der frühen siebziger Jahre.

Also ich habe mich wirklich amüsiert.

Und dann, in eben so einer Möbelausstellung die beiden Damen im Gespräch. Die Polstergruppe, welche sie begutachteten war … wie soll ich sagen … ehm … designmässig nicht jedermanns Sache … in Eierschalengold … oder wie man diese Farbe auch immer nennen wollte. Wuchtig, wulstig … Kurz gesagt: Sie war hässlich!

Den Damen schien das Ding jedenfalls auch nicht zu gefallen … “So wohnen vermutlich die Jungen …” sagte die Eine, was die Andere mit “… ja, vermutlich …” quittierte.

Ich betrachtete die Damen genauer; kannten sie wirklich keine jungen Leute oder wie jung war “jung” aus ihrer Sicht?

Wenige Augenblicke später klärte sich die Situation und mir wurde klar, wer so ein Ding kaufen würde!

Der Verkäufer steuerte schnurgerade auf die Frauen zu, die halblangen Haare klebten ohne Gel zusammen und der Anzug stammte bestimmt vom Sommerschlussverkauf – als die beiden Damen noch junge Hüpfer waren. Er lobte das Möbelstück in den höchsten Tönen, als würde er sich nie im Leben davon trennen können. Naja, er musste auch nicht … die Frauen verkrümelten sich in einer Horde Krückstöcke und tauchten unter.

Ich tat es ihnen gleich. So unnütz waren die Drängler also nicht.

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