Das Bein der Weisen

Lesezeit: 1

Ach, wie schwer haben es die Jugendlichen doch. Nicht mehr Kind, aber weit entfernt von Erwachsen. Das Bewusstsein für Körper und Aussehen entwickelt sich, auch wenn man den Plüschbären dem Lippenstift noch vorzieht.

Ganz verträumt lag sie da, inmitten ihrer Kuscheltiere, streichelte mal dieses, mal jenes und irgendwann ihr eigenes Bein.

“Eigentlich habe ich auch sehr haarige Beine.” Sie streichelte weiter. “Ich will die Beine jetzt auch rasieren! In meiner Klasse tun das schon alle!”

Vaters wiederstand hielt sich in Grenzen, ebenso die Begeisterung.

“Weißt du eigentlich, dass du die Beine dann immer enthaaren musst, wenn du mal anfängst?”

“Ach nein, Papa, im Winter sieht es ja eh niemand!”

“Und warum möchtest du das denn tun?”

“Weil die Beine dann schön glatt sind.”

“Findest du nicht, es ist noch etwas zu früh dafür? Du bist schließlich erst Elf?”

 

“Nein, für Körperpflege und Aussehen ist es nie zu früh!”

“Ach ja? Und wie wäre es denn mal mit regelmäßig duschen?”

“Einmal pro Woche ist regelmäßig!”

Stille. Vater zwischen Verwunderung und Grinsen. Mit einer Prise Sprachlosigkeit.

Die Sprachlosigkeit siegte.

Einige Zeit später. Gleiches Kind, gleicher Vater.

Das Kind hebt sein Bein und betrachtet seinen Fuß. Die Sohle auffallend dunkler als der Rest.

Das Kind rümpft die Nase.

“Meine Füße riechen aber ziemlich stark!”

“Naja, ich habe ja schon lange gesagt, dass du wieder mal duschen solltest!”

“Ach nein, das wäre sinnlos – ich muss ja Morgen bei Mami sowieso …”

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.