Beauty and the Biest

Seltsam war das Pärchen auf jeden Fall. Sie 22, Russin, hübsch,er Pflegestufe 2, Rentner, Schweizer, nicht hübsch. Wie zwei frischverliebte knutschten sie auf der Strasse bevor sie in seinen hübschen Wagen einstiegen. Liebe? Wohl kaum; ich jedenfalls kann es mir nicht vorstellen. Aber vielleicht täusche ich mich ja!

Vielleicht war sie keine Russin, vielleicht war sich Tschechin. Oder Ukrainerin. Vielleicht war sie auch schon 25. Vielleicht war er auch schon 70. Vielleicht nur Pflegestufe 1. Vielleicht stellte er seinen Oberklassewagen aus Bequemlichkeit auf den Behindertenparkplatz. Für mich sah es aus, als würde ein alter Mann die Gier einer jungen Frau ausnutzen. Oder eine junge Frau ohne Stolz sich von einem alten Lustgreis aushalten lassen.

Aber vielleicht irre ich mich ja! Vielleicht gibt sie ihm, was er auch im Alter braucht. Nähe, Geborgenheit, Anerkennung. Pflege. Vielleicht gibt er ihr, was sie wirklich braucht. Respekt, Geborgenheit, Anerkennung. Vielleicht weint sie jede nacht, weil sie ihr Kind bei ihren Eltern in der Ferne lassen musste und ihm nur Geld senden kann anstatt es in den Arm zu nehmen. Vielleicht schaudert es sie, den alten Mann zu berühren. Die Hoffnung, ihrer Familie ein besseres leben bieten zu können, lässt sie den ekel überwinden.

Nun, dass sie, ihn umarmend, über seine Schultern hinweg, mich anlächelte, deutete wiederum eher auf die erste Variante hin … Oder war es nur ihr Helfersyndrom? Wirkte ich schon pflegebedürftiger als jener, welchen sie im Arm hielt? Ich möchte es gar nicht so genau wissen …

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