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Archiv

Kategorie: Pendlergeschichten

Neulich im Zug: Ein paar Menschen, unterschiedlichen Alters und verschiedenster Herkunft. Neu steigen ein: Eine junge Frau an Krücken und eine alte Frau, ebenfalls an Krücken. Zufälligerweise freie Sitzplätze. Allerdings nicht direkt bei den Türen (dort wo sich die Tafel befindet: ‘Bitte für Gebrechliche und behinderte Menschen freihalten’), sondern weiter hinten. Die beiden Frauen machen sich auf den Weg dorthin. Der Zug fährt an. Die jüngere Frau kann sich gerade noch halten, die ältere nicht. Sie fällt hin. Und was tut der normale Fahrgast in diesem Moment? Liest Zeitung, schaut zum Fenster hinaus oder ist sonst irgendwie beschäftigt …

Wer hilft der Frau? Vielleicht der junge Mann, mit seiner Bemerkung:”Hätte sich halt festhalten sollen, die Alte …”? Nein, die junge Frau mit den Krücken!! Halloo?? Naja, wenigstens sitzt ihr scheinbar nicht zu unrecht auf den Behindertenplätzen …

Apropos: Die junge Frau hat sich das Fussgelenk beim verlassen einer Strassenbahn zertrümmert. Und nun raten sie mal, wer den Notarzt gerufen hat? Eine Ausländerin, welche kaum die Sprache beherrschte …

Zum letzten Mal warte ich am Bahnhof.

Meine Pendlerzeit von einem Monat genau analysiert, ergibt folgende Rechnung. Vier Wochen zu fünf Tagen gerechnet. Mein Arbeitsweg mit dem Auto: Rund 50 Minuten. Also 20 x 50 Minuten. Zwei mal (hin und zurück) macht rund 2000 Minuten pro Monat. Also rund 33 Stunden.

Vorteil: Ich kann mich jederzeit ins Auto setzen und fahren, Egal, wann ich Feierabend habe. 50 Minuten später bin ich zuhause. Nachteil? Staugefahr. Da ich aber azyklisch fahre, maximal zwei Mal pro Monat.

Und mit dem Zug?

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Das schreiben der Geschichte ‘Hemmungslos’ hat mich dazu angeregt, es wieder mal selbst auszuprobieren. Das kleine Mädchen hat so viel Sympathie geerntet und der Wunsch nach ‘warum sind wir nicht alle so?’ wurde geäussert.

Nun, ich also in den Zug, setze mich bewusst nicht alleine hin sondern zu einer Frau um die Vierzig mit ihrem Kind. Ich frage nicht: “Ist hier noch frei?”, sondern sage:”Ich würde gerne hier sitzen!”

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Neben mir im Zug eine Mutter mit zwei Kindern und zwei Gitarrentaschen. Ein kleines Mädchen, etwa drei Jahre alt, mit Fahrradhelm auf dem Kopf, stellt sich neben die Familie. “Darf ich bitte hier sitzen?”

Die Frau lächelt und nickt, nimmt die Instrumente vom Sitz weg und stellt sie auf den Boden. “Was ist da drin?” fragt die Kleine. “Gitarren” antwortet die Frau. “Gehst du Musik machen und die Kinder schauen zu?” “Nein, die Gitarren gehören den Kindern.” “Und dann spielen die und du schaust zu?” Die Frau und die Tochter lächeln. “Ja, genau so.”

 

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Herbsttag am Bahnhof. Orientierungslosigkeit in Textilfragen. Unglaublich, was man jetzt alles sieht: Männer in Shorts, Frauen in Trägerleibchen und Flipflops. Daneben Menschen in Daunenjacken und Moonboots. Und zunehmend billige Anzüge. Im Sommer sah ich fast nur Männer in Anzügen, welche diese wirklich im Business brauchen. Diese Anzüge waren fast allesamt aus edlem Stoff und fachmännisch Geschneidert. Aber jetzt? Jetzt tragen auch Männer Anzüge, weil sie lange Ärmel brauchen!

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Gestern Nachmittag auf der Heimfahrt, ich eingequetscht zwischen zwei Damen. Übel. Beine nicht strecken, keine Armfreiheit, Dauerdialog. Naja, dachte ich zuerst. Aber den Beiden zuzuhören, der Hammer!

Es handelte sich offenbar um Schwestern, beide im Rentenalter.

Sagte die Eine: “Gestern habe ich Erika gesehen!”

Die Andere: “Welche Erika?”

“Na, welche wohl?”

“Ja, welche wohl?”

“Stell dich nicht so an, die Erika!”

“Welche Erika? Die aus Zürich?”

(Verdreht die Augen) “Nein, die Erika! Die Deutsche!”

“Die Rothaarige?”

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Manche Dinge sind schön, wenn man sie von vorne sieht. Manche Dinge sieht man lieber von hinten. Unangenehmen Besuch zum Beispiel. Aber es gibt Dinge, die man niemals von hinten sehen will. Einen Zug, welchen man erwischen wollte zum Beispiel. Und wie liesse sich das Bild des Zuges noch übler darstellen? Genau: Wenn man nichts dafür kann!

So wie ich heute. Hätte ich verschlafen, auf dem Klo getrödelt oder nochmal in die Wohnung zurück müssen, um das Handy zu holen; kein Thema, wäre meine eigene Schuld. Aber im Bus sitzen, welcher üblicherweise 1 Minute vor Abfahrt des Zuges ankommt, und zu sehen, dass er eine Minute Verspätung hat … hilflos auf die Bahngleise starrend, aus dem Bus rennend und dennoch zuschauen zu müssen, wie der Zug den Bahnhof verlässt … ganz übel!

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Zeit auf dem einsamen Bahnhof zu haben, ist schön. Man kann allerhand Dinge entdecken. Wie das Plakat mit folgendem Text:

Auf diesem Bahnhof werden Videoaufnahmen gemacht.

Anfragen oder Meldungen von Vandalismus:

Telefon 0512 29 93 58 (zu Bürozeiten, sonst Telefonbeantworter unter Angabe von Ihrem Name, Wohnort, & Telefonnummer)

 

Achtung: Es sind nicht meine Schreibfehler! Das Plakat ist genau so geschrieben! Ich finde das ziemlich erbärmlich … Aber mehr noch als die furchtbare Darstellung, drängt sich mir ein Gedanke auf: Welche Anfragen? Muss Vandalismus bewilligt werden? Oder kann man nach der Tat das Video beziehen? Perfekt geschnitten und vertont, um die Heldentat in einer besseren Qualität als den üblichen Handyvideos ins Internet hochzuladen?

Ja, genau. Nachdem ich gestern die Bahnfahrt als sehr angenehm empfunden hatte, wollte ich nun meine Reiseerfahrungen erweitern. Weil ich nur bis Mittag arbeiten musste, konnte ich doch den Nachmittag nutzen, Zürich zum Shopping auszuprobieren. Die S-Bahn Verbindungen waren viel besser und ich musste keine Minute warten; von Stadelhofen aus fährt offensichtlich alle paar Minuten ein Zug an den Hauptbahnhof.

Es war kein Shoppingwetter. Der Regen kam quer. Egal, ob man einen Schirm trug oder nicht: Man wurde nass. Schon bald wollte ich deshalb nur noch nach Hause. Meine Bahn war vor 10 Minuten abgefahren, aber kein Problem: bereits in 20 Minuten der Nächste … klappt ja wie am Schnürchen, dachte ich. Bis mich die Lautsprecherdurchsage aufschreckte: Dietikon, Endstation. Endstation? Nicht wirklich, oder??

Ob ich es glaubte oder nicht – der Zug fuhr nicht mehr weiter. Glücklicherweise schien nun wieder die Sonne und trocknete meine Kleider. Ich wartete also wieder 30 Minuten.

Die Fahrt, dauerte nicht lange. Aber dennoch, es wurde dunkel draussen. Wolken verdeckten den Himmel. Mein Umsteigebahnhof zeigte sich in sonderbarem Licht. Auf dem Peron stehend und auf den Zug wartend, konnte ich ein Wetterspektakel beobachten. Es war nass, kalt und von der Seite kommend. Ich war innert weniger Augenblicke wieder durch und durch eingeweicht. Die letzten vier Minuten Zugreise unspektakulär. Die anschliessenden 10 Minuten Fussmarsch schon. Denn das Wetter über dem Umsteigebahnhof war zum Vergleich recht harmlos. Langer Rede kurzer Sinn: Ich erreichte meine Wohnung tropfend und kalt. Es war übel. Ausserdem brauchte ich für den Arbeitsweg über 3 Stunden (ohne Shopping).

Wäre ich mit dem Auto gefahren, hätte ich 50 Minuten gebraucht, 10 Sekunden von der Haustüre entfernt parkieren können und das Shopping in einem Einkaufszentrum mit Parkhaus gemacht. Ich hasse ÖV …

Die Reise war problemlos. Schönes Wetter, angenehm warm der Morgen. Mein Zeitmanagement perfekt, kein Stress, wenig Wartezeit.

Wenig Menschen auf den Bahnhöfen, genügend Platz in den Zügen. Ausnahmsweise hielt der Wagen auch immer genau dort, wo ich einsteigen wollte, in der Nähe von Treppen. Einfach perfekt.

Nun, ich war bereit, eine Geschichte zu entdecken, etwas zu schreiben … aber nichts. Alle Menschen waren unscheinbar, normal, wie immer. Endlich, schräg gegenüber eine junge Frau, etwas “punkig”. Eine Station weiter steigt eine Weitere mit einem jungen Hund zu und übergibt ihr den Welpen. Hmmm … das gibt keine Geschichte her.

Und sonst?  Die Menschen reden. “Hast du die gesehen? Die wird immer fetter!” Ich sag’s ja: Alles ganz normal, wie immer …

Auf der Autobahn sehe ich Stau. Bin froh, im Zug zu sitzen. Ich reise entspannt. Habe Zeit für mich und komme zur Ruhe. Ich glaube, ich werde mein Abo verlängern …

Der Regen der letzten Nacht hat die Schweiz gewaschen. Unangenehme Gerüche sind heute weniger intensiv. Aber warum starren mich die Leute derart an? Ach so! Meine Nasenklammer! Naja, Nasenklammer ist vielleicht das falsche Wort … Wäscheklammer würde es schon eher treffen … Aber es lohnt sich! Ich sitze vor dem WWF Plakat, “Anregungen für ein nachhaltiges Leben” … Mein Rucksack zu meinen Füssen.

Eine ältere Dame pflanzt sich vor mich hin. "Ich finde es gut, dass sie mit ihrer Aktion auf die schlechte Luft aufmerksam machen!" Sagt’s und wirft mir ein Fünffrankenstück auf den Rucksack. Ich bedanke mich, sie geht weiter. Die Klammer schmerzt, ich nehm sie raus, packe meine Siebensachen und gehe zum Kaffeestand. Wie das duftet! Dieser Kaffee ist nun wirklich gut! Hätte ich am Bahnhof nicht erwartet, bin positiv überrascht!

Ich setze mich in mein Bähnchen. Geniesse den Kaffee. Abfalleimer? Ja, klar, unter dem kleinen Tischchen. Winzig klein. Jedenfalls zu klein, einen Kaffeebecher mit Deckel hineinzuwerfen … Aber stinken wie ein Grosser! Ok, ich glaub, ich ertrage die Klammer wieder …

Meine empfindliche Nase ist legendär … Gerüche nehme ich scheinbar intensiver war, als viele Andere, das weiss ich.

Halb schlummernd sitze ich am Bahnhof auf einer Bank, der Musik lauschend … Doch was ist das? Beissender Geruch in der Nase? Verrottende Äpfel, Orangenschalen … Abgestandener Biergeruch. Ich öffne die Augen und schaue mich um. Welcher Sitzbankdesigner kommt wohl auf die Idee, Abfalleimer direkt an die Bank zu montieren? Einfüllöffnung auf Kopfhöhe eines sitzenden Durchschnittsmenschen?

Ganz bestimmt kein Schlauer …

So gewinnt ihr mich nicht als Dauerpendler!

Und dann, im Zug: in der Nase beissend, in den Augen brennend …Duftmix pur … Glauben manche Menschen wirklich, Deo ersetzt duschen?? Übel …

Ab Morgen wird man mich nur noch mit Nasenklammer antreffen! Garantiert!

Nun ist es also soweit. Ich bin ein Pendler. Und ich hasse es. Aber ich habe zwei Möglichkeiten: Ich kann mich ärgern oder ich kann mir etwas Positives suchen. Ärgern, wissen wir alle, kostet in erster Linie Energie … Und zwar die eigene … Ich mag aber keine Energie verschwenden … Also nutze ich die Zeit zum schreiben.

Heute Morgen war es speziell weil neu; ich wusste zwar theoretisch, wo ich wann sein werde, ober eben nur theoretisch … Mein grösster Ärger heute morgen (und die kommenden Samstage): ich muss um 04(!):42 auf den ersten Zug, um nach rund vier Minuten eine Pause von fast 45 Minuten zu machen … Super Zeit! Menschen beobachten, Kaffee trinken … Und was habe ich beobachtet? Dunkelheit. Und einen menschenleeren Bahnhof … Ohne Kiosk, ohne Kaffee … Schwere Augen … (Penndler?) egal, ich habe es geschafft und den Zug erwischt. 35 Minuten fahren. 20 Minuten zum Umsteigen auf eine andere Bahn. Kein Thema: Der Fahrplan gibt 3 Minuten Fussweg an, das sollte sogar ich schaffen und Zeit für einen Kaffee haben … Aber wo fährt die Bahn? Bretzelkönig vor meiner Nase. Ich frage nach. “Axe!” lautet die Antwort des netten Herrn. “Axe? Ach so: Achse!” Aber welche Achse? Ich schaue mich um, entdecke Schienen … Eine Verbindungsachse? Schienenachse? Er wiederholt “Axe” und zeigt mir die Richtung. Dort steht ein Bähnchen … mein Bähnchen … Angeschrieben mit meinem Zielort und einer 18 … Ach so: achtzehn sollte seine Axe bedeuten! Ich beginne zu verstehen … Bahnhofdeutsch, 1. Lektion. Schliesslich erreiche ich meinen Arbeitsort, ohne Panne. Und immer noch ohne Kaffee … So werde ich pendeln nie mögen! Oder doch?

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